Annual Program 2013

18.06.2009 – 20.06.2009Studium Europaeum
Urban Development as a Science. Methods of Analysis and Arrangement Systems for the Knowledge in Urban Development as a Basis for Design
Coordination: Prof. Dr. Vittorio Magnago Lampugnani, Zürich



Tagungsbericht: Systematisierung städtebaulichen Wissens, 18.-20.6.2009

Ausgangslage

Städte sind die Hauptorte menschlicher Aktivitäten und Kultur, werden immer grösser und scheinen immer unplanbarer. Landschaften werden immer mehr urbanisiert und verwandeln sich von natürlichen in gebaute Kulturlandschaften. Die Suburbanisierung schreitet unweigerlich und drastisch voran. Die Lösung der eminenten Probleme, die aus den letzten Entwicklungsschüben entstanden sind können nicht alleine von Architekten und Städtebauern gelöst werden, sondern müssen gemeinsam mit zahlreichen anderen Disziplinen angegangen werden. Um die Situation der Disziplin des Städtebaus innerhalb der planenden Beteiligten zu festigen bedarf es nicht nur einer Positionierung der Disziplin selbst sondern auch einer Festigung ihrer wissenschaftlichen Grundlagen.

Die stetig voranschreitende Veränderung unserer Lebensumwelt lässt neue räumliche Situationen entstehen und dieser Wandel macht ebenso eine neue Begriffsbildung unabkömmlich. Aber nicht nur stellen die neuen Begriffe selbst ein unabdingbares Desiderat dar, darüber hinaus ist ein erneutes Nachdenken über die bereits bestehenden Begriffe erforderlich.

Eine Begriffsdiskussion - zur Präzisierung des wissenschaftlichen Diskurses innerhalb der Disziplin, sowie zur eindeutigen Kommunikation mit fachfremden Disziplinen - könnte etwa in einem Handbuch zum Städtebau Eingang finden. Um die bereits vorhandenen Begriffe einerseits und die neu hinzukommenden zu ordnen bedarf es aber einer genauen Systematisierung. Ziel der Tagung war es zwischen diesen Polen - Handbuch zum einen und Systematisierung zum anderen - eine Diskussion anzuregen und konstruktive Hinweise zu sammeln.

Beiträge

Die Vorträge der Teilnehmer können in zwei sich ergänzende Bereiche eingeteilt werden: zu Beginn kamen grundsätzliche Themen zur Sprache, die besonders das Sammeln und dessen Systematisieren zum Inhalt hatten. Uta Hassler, Professorin für Denkmalpflege an der ETH-Zürich, referierte über eine kürzlich von ihrem Institut veranstaltete Tagung zum Thema „Kategorien des Wissens - Die Sammlung als epistemisches Objekt“. Konstanze Domhardt vom Lehrstuhl für Geschichte des Städtebaus präsentierte das Forschungsprojekt „Enzyklopädie zur Stadt“, bei dem es vordringlich um die Ordnung und Definition von Begriffen zum übergreifenden Thema der Stadt geht.

Der erste Tag wurde mit einem Vortrag von Anke te Heesen, Professorin für empirische Kulturwissenschaften am Ludwig Uhland Institut an der Eberhard Karls Universität Tübingen, abgeschlossen, in dem sie primär auf Ausstellungsmedien und deren kulturhistorische Entwicklung fokussierte.

Am zweiten Tag stellte Anette Freytag, Mitarbeiterin der Professur für Landschaftsarchitektur an der ETH-Zürich, ein französisches Forschungsprojekt aus Frankreich vor, welches kurz vor seiner Publikation steht. „Le Trésor des mots de la ville“ untersucht in verschiedenen Sprachen gleiche bzw. ähnliche Begriffe zur Stadt und geht deren Herkunft und der historischen wie auch zeitgenössischen Bedeutung auf den Grund. In seinem Vortrag zu heutigen Möglichkeiten der Darstellung städtebaulicher Planung zeigte Kees Christiaanse, Professor für Städtebau an der ETH-Zürich, wie städtebauliches Wissen in den Entwurf einfliessen kann.

Der Nachmittag des zweiten Tages war bestimmt durch Präsentationen, welche verschiedene Lehr- und Forschungsaufgaben vorstellten, in denen das Thema der Systematisierung von Wissen vordringlich behandelt werden. Neben einem Einblick in das beinahe fertig gestellte Forschungs- und Publikationsprojekt „Anthologie zur Geschichte des Städtebaus“ von Katia Frey und Eliana Perotti, stellten sowohl Anne Brandl und Harald R. Stühlinger, mit ihren Überlegungen zu Entwurfsstrategien in der Geschichte des Städtebaus, als auch Gabriela Barman-Krämer, mit dem e-learning-Projekt zur Geschichte des Städtebaus, Arbeiten aus der Architektenausbildung vor.

Resümee

Die besonders gute Stimmung bei der Tagung wurde durch mehrere wichtige Rahmenbedingungen erfüllt. So trugen die formalen Bedingungen der Grösse der Diskussionsgruppe, der Anordnung der Tische sowie dem Nichtverwenden von Mikrophonen dazu bei, dass ein als ausserordentlich positiv empfundenes Diskussionsklima entstehen konnte.

Darüber hinaus hat das Zusammenführen von Vertretern mehrerer Disziplinen dazu geführt, dass ein angeregter Informationsaustausch zustande kam. Es hat sich gezeigt, dass das Forschungsprojekt „Le Trésor des mots de la ville“ ähnliche Ansätze verfolgte, und dass diese Informationen Hinweise für die künftige Diskussion aber auch die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung darstellen.

Durch die Vorstellung dieses Projektes konnte ein wichtiger Einblick in bereits bestehende Forschung geliefert werden. Befruchtend war auch, dass in der Vorstellung aller Projekte ersichtlich wurde, dass das Feld der Systematisierung ein schwieriges Arbeitsgebiet darstellt. Eine latent unrichtige Verwendungsweise von Begriffen sowohl in Laien- wie auch in Fachkreisen ist wohl die Folge von fehlenden Definitionen. Hier hat sich gezeigt, dass die Dynamik der Wissenschaft nicht der Dynamik des Alltags entspricht. Neben diesen Problemen ist klar geworden, dass es auch in methodischer Hinsicht Nachholbedarf gibt.

Erhellend war die Diskussion auch dahingehend, dass die äusserst offene Diskussionskultur dazu beitrug, dass Schwierigkeiten in den einzelnen Disziplinen geäussert und diskutiert werden konnten. Dies ermöglichte in nicht geringem Masse das Verstehen und Lernen von näheren und ferneren Disziplinen.

Der Einblick in die Arbeitsweise eines Architektur- und Städtebaubüros lieferte Erkenntnisse über die Systematisierung von städtebaulichem Wissen, aber auch von städtebaulichen Projekten. Gerade der praktische Aspekt ist hier für die wissenschaftliche Auseinandersetzung langfristig von grösster Bedeutung.

Das Ziel der Tagung war es herauszufinden, ob systematisiertes Wissen zur Stadt in einem Handbuch zusammengefasst werden soll und kann. Die oben genannten Schwierigkeiten der Unmöglichkeit einer vollständigen Aufzeichnung von Wissen in einem Handbuch vor Augen - dies im Hinblick auf Handbücher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - konstatierte Frau Prof. Hassler, dass ein Handbuch zwar zu machen sei, aber stets vor dem Hintergrund des Scheiterns. Womit der Sukus der Tagung auch umrissen ist.

Es scheint, dass die Komplexität und die Menge an Informationen, sowie die Vielzahl der beteiligten Disziplinen es verunmöglichen ein Handbuch zur Stadt zu erstellen. Dennoch steht das Desiderat, das sich während der Tagung herauskristallisierte, fest: die Vertreter innerhalb einer Disziplin einerseits und die Disziplinen untereinander andererseits können nur dann in eine fruchtende Diskussion treten, wenn Klarheit über die Verwendung der Begrifflichkeiten herrscht.

 
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